IKEAVILLE - WHAT HAPPENED BEFORE YOU CAME
Was ist das Erstaunliche, an einem Spaziergang durch Ikea? Erstens tritt man ständig in fremde Wohnungen, jedenfalls denkt man das. Die Einrichtungen scheinen wie die Privatsphäre fremder Leute, die gerade noch da gewesen und jetzt einfach schnell raus sind. Die Musterzimmer bei Ikea sind so eingerichtet, dass man annehmen kann, da lebe wirklich jemand. Anhand der Einrichtung kann man weiter glauben, man erfahre viel über diese Menschen, die hier wohnen - und weil wir alle in solchen Einrichtungen wohnen, erfährt man tatsächlich etwas über uns. Zweitens ist Ikea eine Kleinstadt, eine ohne Hauswände. Wenn man einfach den Weg entlang geht, sieht man in jedes Haus hinein. Man braucht nicht einmal durch ein Fenster zu schauen, wenn man mal sehen möchte, wie die andern Leute so leben. Wie bei Lars von Triers "Dogville" oder "Under the Milkwood" von Dylan Thomas. Bei Thomas sieht man sogar in die Gedanken und Träume der Menschen hinein.
Versteht man Ikea so, mit anderen Worten, versteht man Ikea absichtlich falsch, nimmt man nämlich die aus verkaufstechnischen Gründen angebotene Fiktion ernst, tut sich eine grosse Spielwiese, ein fantastisches Bühnenbild auf. Parasitär setzt Schauplatz International eine eigene Interpretation in diese Fiktion, die bei Ikea "besser Leben" heisst. Jedoch: Verstehen wir unter einem besseren Leben wirklich dasselbe wie das Möbelhaus?
"Ikea-Ville" stellt diese Frage mit Hilfe einer Audioguide-Tour durch die Ikea-Filiale in Lyssach. Das Publikum wird zu normalen Geschäftszeiten durch die Ausstellung geführt und erfährt über Kopfhörer vom geheimen Innenleben dieser nur scheinbar menschenleeren Indoor-Stadt. Nachts ist Ikea nämlich bewohnt. Nach Ladenschluss erwacht die Stadt zu neuem, zu anderem Leben. Es treffen sich hier Menschen, die im Verborgenen an der Vollendung des Ikea-Versprechens vom besseren Leben arbeiten. Da und dort finden sich noch Spuren von Ihnen: Kinderzeichnungen mit Botschaften, rätselhafte Bücher im Gestell, Kleider mit Löchern als Erkennungszeichen. Von all dem erfährt man über Audioguide.
Die Hörgeschichten basieren auf der Philosophie von Ikea selbst. Das Unternehmen hat einen sozialutopischen Anspruch, indem es gute, schöne Möbel für alle anbietet - gekoppelt an das Versprechen des guten Lebens. Im Grunde eine Bauhaus-Idee: Gestaltung verbessert die Welt. Historisch entwickelt sich dieses Konzept parallel zum schwedischen Sozialstaatmodell, das eine Mischform zwischen Sozialismus und Kapitalismus anstrebt. Während sich aber diese Politik jenseits des Ursprungslandes nicht durchsetzen kann, wird der Konsumsozialismus von Ikea zu einer der erfolgreichsten Unternehmensideen der wirtschaftlichen Globalisierung.
"Ikea-Ville" durchleuchtet eine wie selbstverständlich zur Lebenswelt vieler Menschen gehörende Institution und befragt ihren Selbstanspruch und die Rolle, die sie in der Gesellschaft spielt. Zu diesem Zweck wird ein bereits hochinszenierter Raum mit einer aussergewöhnlich illusionistischen Atmosphäre für das Theater erschlossen. Es geht nicht darum, die Ästhetisierung neuer Räume voranzutreiben, sondern die Kunst in Milieus zu bringen, wo sie nicht erwartet wird und entsprechend vielen Leuten zugänglich ist. Mittel dazu sind die Audioguides.
Audioguides haben die Fähigkeit, die Welt, wie sie uns vor Augen steht, um eine Dimension zu erweitern. Solche Funktionen werden heute in so genannten „Augmented-Reality“-Konzepten diskutiert und vornehmlich kommerziell eingesetzt. „Augmented Reality“ ist eine Verschmelzung von authentizitäts- und simulationstheoretischen Ansätzen. Gemeint ist, dass die Wirklichkeit mit technischer Hilfe aufgeladen, verstärkt oder erweitert wird. Das geschieht durch Informationsvermittlung, die gleichzeitig mit dem eigentlichen Erlebnis stattfindet. Audioguides stellen eine frühe Form solcher Augmented-Reality-Anwendungen dar. Sie führen Realität und realitätserweiterndere Information mit Hilfe des Gehörs zusammen, so dass die Augen als wichtigste Wahrnehmungsinstrumente frei bleiben.
Audioguides sind im zeitgenössischen Theater keine neue Erfindung. Aber sie werden immer dazu eingesetzt, die Realität zu fiktionalisieren, das heisst, die sichtbare Wirklichkeit mit in sie projizierten Geschichten zu verändern. "Ikea-Ville" macht etwas anderes. Eine Fiktion, die Musterzimmer von Ikea samt ihrem Glücksversprechen, wird absichtlich zu ernst genommen und als Wirklichkeit verstanden.
Schauplatz International hat gemeinsam mit dem Stadttheater Bern bereits ein Audioguide-ähnliches System künstlerisch erprobt. Mit Hilfe von Experten haben wir in der Spielzeit 2008 / 2009 bestehende Inszenierungen des Stadttheaters kommentiert. Das Publikum konnte mittels Kopfhörern während der laufenden Aufführung unser Fachgespräch über das Stück betreffende Themen verfolgen. Zudem ist der Einsatz von Audioguides die Fortführung einer Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten ortsspezifischen Theaters, die Schauplatz International schon länger umtreibt. Das System ermöglicht künstlerische Eingriffe in die Wirklichkeit, ohne diese real zu verändern.
top
Von und mit, Geldgeber, Dank, Orte
Martin Bieri, Anna-Lisa Ellend, Albert Liebl, Lars Studer
Grafik: Rikken Enterprises. Fotos: Alexander Jaquemet
Technische Unterstützung: Christian Rothenbühler,
Gefördert durch:
KulturStadtBern,
Swisslos/Amt für Kultur Kanton Bern, Burgergemeinde Bern
In Kooperation mit Tojo Theater Bern
Dank an:
Graber Konferenztechnik, Bätterkinden und Dysli Reisen, Bern
Ort:
IKEAVILLE ñ What happened before you came: Eine Audioguidetour durch Ikea,
individuell in Lyssach oder als Bustour ab Bern.
Kollektive Anreise
3. (Premiere) / 10. / 17. Dezember, 19h
Busfahrt ab Bern, Tojo Theater. Dauer bis ca. 23 Uhr.
Individuelle Anreise
nach Lyssach, Bernstrasse
7. / 9. / 14. / 16. Dezember: 11h - 19h
12. und 19. Dezember: 11h - 17h
Audioguides am Eingang erhältlich. Dauer ca. 75 Minuten.
Preis: "Zahl so viel du willst"

Interview with Colin Crouch (mp3)
Fotos zur Audioguidetour


top
Pläne des Möbelhauses

top
Im Folgenden können Sie die 42 Hörstationen per Mausklick anhören:
356 Einführung und Weg zum ersten Musterzimmer
224 S02 und S03: Tobias und Elisa
355 Pause/Volksheim: Interview schwedische Botschaft (im Restaurant)
761: Lyssach /Stimmen von Draussen
420 K02: Küchengespräch
635: Erster Gang durch die Markthalle / Flucht 1
637: Zweiter Gang durch die Markthalle / Flucht 2
638 Rolltreppe/Selbstbedienungshalle: Colin Crouch am Telefon
639 Schluss / Fundgrube: Forum Romanum
103 W05: Sex
121 L05: Nedbryta
137 F05: Branko
146 L06: Gebremste Schublade
158 Biologe: über Tarnung
167 L02: Privatsphäre
169 F02: Zebraman
188 L11: Kleinkind
220 L10: Lilo Pulver
235 L01: Repräsentation
246 L03: Spuren?
283 S08: Der Spiegel
284 W04: Die Fracht
347 am Notausgang: Meditation
378 F03: Farbe Weiss
415 S07: Manifest
419 L12: Hepburn
445 W03: Nordwestpassage
459 F04: Mamba
508 L09_AL: Weisser Raum
544 S01: Danielas Einzug
549 S05: Tiger
568 F01: Lichtung
572 W01: Die Unterschrift
604 S04: Interview Marlene
636: Kinderzimmer CH1 bis CH4
689 L04: Die Autoren
764 Pax / Broder: Selbstfindung
790 L09_A: Götz Quality Services
822 L08: Rote Revolution
842 W02: Muezzin
916 L07: Land des Lächelns
993 S06: Los Alamos
|